Zwei Tage nachdem ich den Rasenmäher bestellt hatte, konnte ich 22 Tabs in meinem Browser schließen. Produktvergleiche, Produktdokumentationen, Baumarktseiten, Bewertungen, Fachforen, Fanforen. Der Blick auf die noch offenen Tabs fühlte sich an, wie ein Blick in eine fiebrige Vergangenheit.
Aber jetzt Projekt Beautytempel. Das neue Projekt begann damit, dass ich ein Vorher-Bild machte, um später ein Nachher-Bild zu schießen. Cool wäre es auch, ein Zeitraffervideo zu drehen, aber die Arbeit findet hauptsächlich außerhalb des kleinen WCs statt, wo ich säge, zuschneide, bohre. Im WC montiere ich das Ganze nur zusammen. In Schweden drehten wir einmal ein Zeitraffervideo davon, wie wir das Wohnzimmer malten. Die Kamera stand in einer Ecke und filmte uns stundenlang. Das Ergebnis gefiel mir aber nicht. Weil zu wenig passierte. Man sah wenig vom neuen Weiß auf dem alten Weiß.
Danach verbrachten wir drei Stunden im Baumarkt. Ich brauchte auch ein neues Kreissägeblatt, da wir auf verschiedenen Oberflächen Korkplatten verlegen wollen. Letztendlich schnitt ich den Kork aber händisch mit einem simplen Cutter.
Der Tag endete mit einem Feierabendbierchen unten auf der Straße. Wir haben auch eines dieser sogenannten Parklets aus Holz, also diese Bankkästen, die in Berlin überall anstelle von Autoparkplätzen gebaut wurden. Dort lässt es sich vortrefflich sitzen, um einen Feierabenddrink zu sich zu nehmen. Letztes Jahr saß ich im Sommer manchmal da, um etwas zu lesen. Aber Feierabendbierchen kann man darin auch trinken.
Die Hündin mag es nicht, wenn wir zwei Biere intus haben. Sie merkt, wie unseriös wir werden. Die Hündin nimmt das Leben ernst und hält den Wachposten inne. Während wir mit lockerer Zunge im Parklet sitzen, und uns über sie lustig machen, steht sie mitten auf dem Bürgersteig und hält die ganze Straße im Blick, wobei sie immer wieder abfällige Blicke zu uns herüberwirft. Sie kann nicht verstehen, wie wir so leichtsinnig die Kontrolle über das Rudel verlieren können.
Meine Frau möchte das Tages-WC etwas aufgeräumter gestalten, in ihr gärte daher die Idee, einen kleinen Einbauschrank darin zu verbauen. Mit meinen neuerdings entwickelten handwerklichen Fähigkeiten, würde ich diesen natürlich bauen, also tranken wir heute unser Freitagabendbierchen im 2qm großen Tages-WC, besprachen gemeinsam die Gestaltung und nahmen schließlich auch das Aufmaß ab.
Das Tages-WC ist eigentlich mein Beautytempel. Das wusste meine Frau bisher nicht. Ich wusste das auch nicht. Aber jetzt wissen wir es beide. Das Tages-WC befindet sich nämlich genau neben der Wohnungseingangstür. Es ist die letzte Etappe vor der Außenwelt. Deswegen haben sich dort mein Bartöl, meine Parfüms und meine Pomaden angesammelt. Das große Badezimmer befindet sich hingegen ganz hinten am anderen Ende der Wohnung. Ich will da nicht jedes Mal hin, wenn ich das Haus verlasse. Im Tages-WC vorn hängt ein Spiegel, für mich reicht in der Regel ein kurzer Blick hinein. Sitzt das Haar? Habe ich Haferflocken im Bart? Habe ich Flecken auf dem Hemd? Zwar wasche ich mich im hinteren Badezimmer, aber meine Beautyroutine kommt erst vor Verlassen der Wohnung und sie ist üblicherweise sehr kurz: ein erbsengroßes Knäuel Pomade in den Händen, das ich in den Haaren verreibe, und dann zweimal Pfft Pfft mit einem der Parfüme (zurzeit „Leder 6“ von Schwarzlose Berlin). Danach verlasse ich das Haus.
Zugegebenermaßen ist die Ablage, auf der sich meine Beautyutensilien befinden, ziemlich zugemüllt. Es befinden sich Einkaufstüten, Reinigungsprodukte und sogar ein Ast darin, den meine Hündin einmal nach Hause geschleppt hat. Dass ein Teil davon ein Beautyaltar ist, lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen. Auch nicht auf den zweiten Blick, wenn ich ehrlich bin.
Meine Frau wollte nun alle Tüten, losen Fläschchen und Döschen in einem Schrank verstauen. Aber. Sie wusste es nicht. Ich wusste es auch nicht. Der Gedanke daran, dass meine Utensilien in einem Schrank verschwinden würden, störte meinen Beautyvibe. Ein wesentlicher Bestandteil meines Beautytempels sind nämlich die schönen Fläschchen und Döschen. Auf den metallenen Pomadendosen von Reuzel prangt ein schönes Schwein und auf den Pomaden von Tenax ein Nashorn. Ich mag die schwarze Kugel auf der Molton-Brown-Flasche und das mysteriöse Schwarzlose-Fläschchen. Ich will das alles nicht hinter einer Schranktür verstaut haben. Es gehört zu meiner Beautyroutine, wie kurz sie auch sein mag, dass ich auf schöne Döschen und Fläschchen schaue.
Deswegen haben wir das jetzt umgeplant. Unter dem Schrank spare ich 22cm aus. Dort lege ich einen dunklen Korkstreifen aus und beleuchte ihn dahinter mit einem LED-Strip. Das Ganze wird dann wahrscheinlich ziemlich religiös aussehen, aber so ist das eben mit Tempeln.
Immerhin weiß ich jetzt auch, dass ich einen Beautytempel und eine Beautyroutine habe.
Weil ich einer Freundin neulich mit ihren technischen Problemen half, schenkte sie mir überraschenderweise einen hundert Euro Gutschein für Toom, weil sie weiß, dass ich mittlerweile mehr Zeit bei Toom verbringe, als beim Barbier. Heute bestellte ich mir deswegen einen benzinbetriebenen Rasenmäher, für den ich sonst immer zu geizig gewesen war. Eigentlich wollte ich mir einen einfachen Akku-Rasenmäher kaufen, wenn man aber zu tief in die wundersame Welt der Rasenmäherei hineinschaut, dann findet man nicht mehr so leicht heraus. Jetzt kaufte ich einen Benziner für 400 Euro. Was vor allem daran liegt, dass ich die Maschine für Schweden anschaffe, wo ich keine Maschine brauche, um den Rasen millimetergenau zu trimmen, sondern für zwei kleine, wilde Wiesen mit Gras und Gestrüpp in einem skandinavischen Wald, die gezähmt werden müssen. In den Fach- und Liebhaberinnenforen reden sie immer von „Wumms“. Man braucht Maschinen mit Wumms. Jetzt habe ich eine Maschine mit Wumms und fühle mich wie ein Großgrundbesitzer.
Letzte Nacht schlief ich fürchterlich. Ich glaube, ich schlief in der Summe zwei Stunden. Als ich aufstand, war ich müde, als ich mit der Hündin hinausging, war ich müde, als ich ins Büro ging, war ich müde, in jedem Meeting war ich müde. Ich sehnte mich den ganzen Tag lang danach, mich hinzulegen und die Augen zu schließen. Sogar noch auf dem Rückweg in der S-Bahn. Sobald ich zu Hause ankam, verwandelte ich mich aber in ein hyperaktives Kaninchen.
Das war vielleicht auch der Grund, warum ich mich vom eigenen Weblog aussperrte. Eigentlich wollte ich nur eine Firewall installieren und mir lästige Crawler aus Hongkong und den USA vom Leib halten. Ich sperrte dermaßen sperrfroh, dass ich plötzlich selbst nicht mehr an das Weblog herankam. Und zwar dermaßen konsequent auf Serverebene, dass es mich über eine Stunde kostete, meine Fehler zu korrigieren.
Aber ich fühlte mich immer noch wie ein Großgrundbesitzer.
Mit Alexander im Neni am Zoo gewesen. Wir stellten fest, dass wir uns fast 20 Jahre nicht mehr gesehen hatten und trotz Internet doch immer irgendwie in Kontakt geblieben sind. Wir kannten uns damals aus Hamburg. Kaffee.Satz.Lesen, Weblogs. Sein Weblog gibt es nicht mehr. Es hieß Barmblog. Als er von Barmbek nach Köln zog, stimmte der Name nicht mehr. Wir erzählten einander aus unseren Lebens und redeten natürlich über Software, Literatur und über Utrecht. Dabei aßen wir israelische Meze und neben uns tauchte die Sonne hinterm Zoo den Himmel in Farben. Es war schön.
Ansonsten ist die Hündin wieder läufig. Etwas früher als gewohnt, und es wirft unsere Tagespläne durcheinander. Ich werde sie wohl erst einmal mit ins Büro nehmen, weil meine Frau in diesen Tagen nicht zu Hause ist. Wenn ich davon erzähle, dass sie läufig ist, rede ich davon, dass wir läufig sind. Wie man auch sagt: Wir sind schwanger. Es kommt ungewollt aus mir heraus. Es fühlt sich nicht richtig an.
Ich würde ja auch gerne Trenchcoats tragen, aber ich bin körperlich nicht für Mäntel gemacht. Innerlich fühle ich mich wie ein Trenchcoat-Typ. Ein bisschen elegant, ein bisschen geheimnisvoll. Äußerlich bin ich aber eher der Typ bulliger Kraftmensch aus dem Zirkus. Ohne die Kraft, allerdings. In Mänteln sehe ich aus, als wäre ich eingepackt, wie ein Geschenk.
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Ich verfalle regelmäßig irgendwelchen Instagram-Kochtrends. Einige davon sind wirklich gut. Die meisten sind jedoch mittelmäßig. Ich probiere trotzdem alles, kein Experiment soll an mir ungetestet vorübergehen. Gestern griff ich allerdings daneben. Es gab diesen bärtigen Typen, der Hartzer Käserollen in eine Ofenform gab, Ajvar dazuschüttete und in den Ofen schob. Das schien mir eine ungemein geniale Idee. Hartzer Käse schmeckt gut, hat wenige Kalorien und zudem liebe ich Speisen aus dem Ofen. Ich nahm statt Ajvar Tomatenpüree und Erbsen. Darüber schnitt ich ein paar Zwiebelringe.
Das Ergebnis war eine seltsam amorphe, klebrige Masse, die nach Hartzer Käse roch und meinen Bart verklebte. Sie war zu fest, um als Sauce zu funktionieren, und zu weich, um dem Ganzen eine Form zu geben. Und wie gesagt: Sie klebte überall. Mache ich nie wieder.
Später fand ich allerdings heraus, dass der bärtige Typ seine Erfindung in die Mikrowelle schob. Da bleibt die Kreation vielleicht etwas fester, weil ihr die Zeit fehlt, auszulaufen.
Ach, was weiß ich. Mache ich trotzdem nie wieder.
Heute war super Wetter. Am Nachmittag saß ich im Park auf einer Parkbank und tat: nichts. Eigentlich wollte ich eine Sprachnachricht verschicken, aber es fehlte mir die Kraft und vor allem die innere Sortiertheit, sowie kluge Gedanken. Ich saß nur da, ich dachte an wirklich nichts und starrte. Ziemlich lange sogar. Die Hündin starrte mit mir mit.
Am Abend kam meine Frau zurück und ich kochte Bärlauchpesto für uns. Ich gebe gedünstete Prinzessbohnen dazu, sowie kleine, gekochte Kartoffelstücke und kleine, halbierte Kirschtomaten. Die püriere ich natürlich nicht mit. Aber es frischt die Schwere des Pestos etwas auf.
Ich traf Frau Modeste im Trio an der Linienstraße. Es gibt am Ende der Linienstraße nicht mehr viel. Der Trubel des Rosa-Luxemburg-Platzes ist längst abgeebbt, die Straße mündet hier als Sackgasse in die große Karl-Liebknecht-Straße und geht in Wind und Verkehr auf, dahinter beginnt die osteuropäische Steppe. Aber dort in dem letzten Haus, dort gibt es gleich drei Lokale, eng beieinander, Tür an Tür, als würden sie sich Widrigkeiten widersetzen.
Ich war um 5 Minuten verspätet. Als ich ankam, war Frau Modeste aber auch noch nicht da, also setzte ich mich an die Bar und bestellte ein Bier. Es verging ein bisschen Zeit. Da sie sich nicht meldete, zweifelte ich plötzlich, ob ich überhaupt im richtigen Lokal saß. Vor vielen Jahren war ich nämlich einmal mit Frau Casino im Kuchi in der Gipsstraße verabredet. Ich kannte das Lokal nicht, bog jedoch in die Gipsstraße, sah ein Lokal, das irgendwas mit „Kuchi“ hieß, und setzte mich hinein. Was ich zu jenem Zeitpunkt nicht wusste, war die Tatsache, dass ich in einem Lokal namens „Next to Kuchi“ saß und das „Kuchi“ sich direkt nebenan befand. Frau Casino saß längst im richtigen Lokal, und so verbrachten wir mindestens eine Viertelstunde damit, dass wir, nur durch eine Hausmauer getrennt, auf Stühlen saßen und aufeinander warteten. Irgendwann schrieb sie mir eine Nachricht mit der besorgten Frage, wo ich mich befände. Nunja. Das war die Frage, die ich eigentlich ihr stellen wollte.
Um nicht diesem Missverständnis aufzusitzen, fragte ich die Bedienung, ob das hier schon das „Trio“ sei. Die Frage wurde bejaht.
Kurz darauf kam Frau Modeste auch zur Tür herein. Sie trug ein Kleid in einem schönen, satten Grün. Darüber einen Trenchcoat.
Ich bestellte Szegediner Gulasch. Es schien mir das angemessene Gericht, um die Abwahl von Viktor Orbán zu zelebrieren. Frau Modeste aß hingegen die Königsberger Klopse. Eigentlich hätte ich mich auch dafür entschieden, aber die Freude über den Ausgang der Wahl, wog etwas mehr. Ich weihte sie jedoch in mein Vorhaben ein, meine Deutschwerdung feierlich zelebrieren und eine Königsberger-Klops-Party veranstalten zu wollen. Es ist eine seltsame Wahl, mit einem Gericht aus der ostpreußischen Hauptstadt die deutsche Staatsbürgerschaft zu feiern, aber sie stimmte mir zu, dass Königsberger Klopse etwas ausgesprochen Deutsches sind.
Nach dem Essen zogen wir eine Tür weiter in die Bar „3“. Ein großer, schmuckloser, abgedunkelter Raum mit einem großen, wirklich großen Tresen in der Mitte. Sie schenken dort Bier nach traditioneller kölscher Art ein, also in 2‑cl-Gläser, die sie direkt aus einem prominent auf der Bar platzierten Holzfass zapften und sofort nachschenkten, wenn das Glas leer war. Wenn man kein Nachfüllen mehr wünscht, muss man den Bierdeckel auf das Glas legen. Ich vergaß das mit dem Bierdeckel ein paar Mal zu oft.
In der Bar gab es keine Tische und keine Stühle. Man kann am einladenden Tresen auf Hockern sitzen, oder in den Fenstern auf großzügigen Fensterbänken. Wenn man zu zweit sitzt, ist das wirklich sehr angenehm, ich sitze liebend gerne am Tresen, sobald eine dritte Person hinzukommt, muss diese Person halt stehen. Das ist aber auch nicht schlimm. So verbringt man ja das Leben. Manchmal sitzend und manchmal stehend.
Im Castle Pub am Nordbahnhof verabredet gewesen. Ich war eine halbe Stunde zu früh und die Batterie meines Telefons war fast leer, deswegen bat ich die Frau hinterm Tresen, ob sie mein Telefon an den Strom hängen könne. Das konnte sie. Nun setzte ich mich also an einen Tisch am Fenster und – nunja, hatte nichts, in das ich hineinschauen konnte. Kein Telefon, kein Buch, keine Zeitung. Lagen früher nicht immer überall Magazine und Zeitungen herum? Auf meinem Tisch lag ein Prospekt über Gin Tonic aus. Immerhin etwas, dachte ich. Aber die drei Absätze mit je drei Zeilen waren rasch ausgelesen. Ich suchte nach Papier. Notizen machen. Allerdings hatte ich mein Notizbuch im Büro gelassen, ich wollte mit leichtem Gepäck unterwegs sein, konnte ja nicht wissen, dass mein Telefon leer sein würde. Ich fand den langen Strafzettel der BVG, die mich neulich beim Schwarzfahren erwischt hatte. Das ist wirklich gutes Papier. Es sieht aus wie ein Kassenbon, es ist aber erstaunlich robust und vor allem lang. Dummerweise hatte ich aber keinen Kugelschreiber dabei. Also setzte ich mich hin und schaute in die Bar hinein. Das taten wir früher doch auch so, oder? Sitzen und in die Gegend hineinschauen. Bin mir aber nicht ganz sicher. Früher rauchten wir auch, da konnte man dem Rauch hinterherschauen, es fiel daher nicht so auf, wenn man schaute. Heute ist das aber cringe. Deswegen bat ich die Frau hinterm Tresen nach einem Kugelschreiber. Den hatte sie. Also konnte ich diese Zeilen aufschreiben.
Neulich, als ich in Hamburg mehrere Stellen offen hatte, kamen 94% der Mails von Bewerberinnen über Gmail. Die restlichen 6% verteilten sich auf Applemail, outlook.com und eigene Domains. Einmal war sogar Hotmail dabei. Musste gleich die Domain im Browser aufrufen. Wäre ich ein Film gewesen, wäre ich zu einer Rückblende verschmolzen, zum Sound von „Bittersweet Symphony“. Im Browser kam es aber nur zu einer Weiterleitung auf outlook.com. Im Film wäre der Soundtrack jetzt mit einem Plattennadelscratch unterbrochen worden.
Bei offenen Stellen in Deutschland gibt es etwas mehr Variabilität. Es kommen posteo.de, mailbox.org und GMX sowie web.de dazu. Aber der Großteil immer: Gmail.
Die Anschreiben lese ich aber nicht mehr. Ist alles KI-Slop. Sie klingen alle gleich. Ich schaue aber auch nie nach Schulabschlüssen oder, schlimmer noch: Arbeitszeugnisse! Arbeitszeugnisse müssen immer wohlwollend sein, ansonsten kann man es sich einklagen. Arbeitszeugnisse dienen höchstens als Beweis dafür, dass jemand dort gearbeitet hat, wo sie behauptet, sie hätte es getan. Würde mich aber nicht wundern, wenn Zeugnisse mit KI erstellt werden. Ich schaue gar nicht mehr hin.
Es bleibt nichts anderes übrig, als nach fachlichen Eckdaten zu sieben und sich ein Bild der Person vor Ort zu machen und dort dann die richtigen Fragen zu stellen. Ich hatte schon Bewerber aus anderen Ländern, bei denen ich merkte, dass sie Antworten vom Bildschirm ablasen. Es ist ermüdend.
Aber eigentlich wollte ich über ganz etwas anderes schreiben.
Meine Herthajacke ist mir zu groß geworden. Es muss lange her sein, dass ich sie zum letzten Mal trug. Es ist eine leichte Sportjacke, sie ist besonders für den späten September und den Oktober ausgelegt oder für den späten April sowie den Mai. Da ich letzten Herbst kaum im Stadion gewesen bin und den Winter in Hamburg verbrachte, trug ich sie zum letzten Mal wohl im Frühling. Da wog ich fast 15 Kilo mehr als heute. An der Jacke mochte ich immer, dass sie eng anliegt und meinem Bauch eine gute Form gibt. Mit meinem neuen Körperumfang weiß ich noch nicht, was sie genau tut. Sie weiß es auch nicht.
Im Vorfeld des Spiels gab es Aufregung wegen der Fanclubbanner. Der Förderkreis der Kurve verlangte von allen Fanclubs, dass Banner und Fahnen auf den Rängen durch Personen bewacht werden sollten. Am letzten Wochenende war es in Dresden nämlich zu Randalen gekommen, weil Dresdner Fans in den Hertha-Block eingedrungen waren und ein symbolisch wichtiges Banner stahlen, um dieses anschließend in der eigenen Kurve vor laufenden Kameras zu verbrennen.
In den Fanclubs gab es große Aufregung, weil niemand Lust und Kapazitäten hat, Banner zu bewachen. Dazu gab es unbestätigte Informationen, dass das von den Hooligans kontrolliert werden sollte, was sich niemand bieten lassen wollte, es ist eine Sache, wenn die Ultras sich bei so etwas aufdrängen, oder wenn es die Hooligans tun. Mit den Ultras kann man immer noch reden, aber von den Hools will man sich wirklich nichts sagen lassen, andererseits sind die Hools auch immer die Typen aus der Muckibude. Viele hingen deswegen ihre Banner wieder ab, wodurch es zu Lücken im Umlauf kam, was auch wieder nicht gut aussieht. Ich kam erst verspätet im Stadion an und verfolgte die Diskussion nur im Fanclubchat.
Als ich meiner Frau davon erzählte, lachte sie nur. Du merkst es schon selbst, sagte sie. Ich sagte: Ja, ich merke es selbst.
Dennoch bleibt es eine ernste Angelegenheit, wenn man wieder einzoomt. Der Klau eines Banners, hat zur Folge, dass sich der Club oder die Vereinigung auflösen muss. Das in Dresden gestohlene Banner war das übergeordnete Symbol, das die Kurve repräsentierte und nicht nur einzelne Fanclubs oder Gruppierungen. Deswegen wurde unter der Woche die Entscheidung gefällt, das große, zentrale Banner mit der Aufschrift „OSTKURVE HERTHA BSC“ abzunehmen und durch einen blau-weißen Platzhalter zu ersetzen. Vor Anpfiff hielt der Vorsänger der Kurve eine etwas pathetische Rede, in der er vom schwärzesten Tag der Geschichte der Kurve sprach.
Es ist alles nicht so einfach.
Diesmal ging ich wieder runter in Block Q3, wo die meisten meiner Freunde stehen. Ich war im Sommer zu Benny in einen anderen Block gezogen, weil neuerdings eine Gruppe junger Typen eine riesige Fahne schwenkte, wodurch ich nichts mehr vom Spiel mitbekam. Mich nervte das ungemein. Die Diskussionen, die wir mit den jungen Männern führten, waren nicht sonderlich ergiebig. Wie es aussieht, haben sie mittlerweile aber aufgegeben und sind plötzlich verschwunden, und die Sicht in Q3 ist wieder frei.
Gestern gab es viel zu sehen. Hertha spielte eine äußerst dominante erste Halbzeit. Als das Gegentor fiel, saß ich gerade mit einem Ex-Kollegen draußen vor dem Stadion. Ich war zu Wiederanpfiff noch nicht zurück in den Block gekehrt. Gegentore hört man draußen immer, weil das Stadion auf einmal verstummt. Allerdings hört man ein weit entferntes, unterdrücktes Jubeln von den Gästefans. Es ist eine eigenartige Geräuschkulisse.
Es blieb dann beim 0:1. Meiner Mannschaft fiel nicht viel ein. Die meisten der wenigen, verbliebenen Aufstiegshoffnungen gingen gestern in Rauch auf.
Heute war ich sehr müde. Zuerst machte ich einen langen Morgenspaziergang mit der Hündin. Dabei trottete ich ziemlich langsam vor mich hin. Als ich zurück nach Hause kam, legte ich mich direkt ins Bett, wo mich meine Frau später beim Schnarchen aufnahm. Es ist die dritte oder vierte oder fünfte Nacht in Folge, in der ich schlecht schlafe, ich weiß nicht, was das ist. Nach dem Schlafen wollten wir auf dem Fernseher etwas schauen. Ich schlug vor, uns auf Youtube mit Videos von Tapezierarbeiten zu bilden. Im Mai fahren wir wieder nach Schweden und wollen das Gästehaus sowie das große Eckzimmer mit neuen Tapeten versehen. Unsere Freundin aus Göteborg sagte, tapezieren sei sehr leicht, sie hätte das auf YouTube gelernt. Irgendwann müssen wir das eben auch lernen. Die Tapeten haben wir schon bestellt, aber wir haben noch keine Ahnung, wie man sie anbringt.
Wird schon nicht schwierig sein, deswegen schauten wir einen Horrorfilm, besser gesagt, ein Creature Feature namens „Thrasher“, der von einem Mega-Hurrikan handelt, der einen Küstenort überschwemmt, und von vielen kleinen Haien, die Gliedmaßen aus Menschen herausreißen, sowie einem sehr hungrigen schwangeren weißen Hai, der viel Schaden anrichtet.
Haie werden tatsächlich schwanger. Haben wir jetzt auch gelernt.
Gestern mit Benny wieder im Zosch gewesen. Wir tranken Bier und ich aß einen lauwarmen Kartoffelsalat. Es kam mir gestern ungemein seltsam vor, ein Gericht zu bestellen, das explizit als lauwarm angeboten wird. Lauwarmes. Ein erstaunlich negativ besetztes Adjektiv für einen ziemlich angenehmen Zustand. Dafür vergeben Menschen einen von fünf Sternen und schreiben darunter, das Personal sei schlecht gewesen und das Essen nur lauwarm. Aber das Personal im Zosch ist immer gut. Eigentlich besuche ich keine Lokale mehr, die nur Industriebier einschenken, aber das sage ich in Wirklichkeit nur so dahin. Daher würde ich ihnen einen Stern abziehen, weniger wegen des Industriebieres, aber weil es mich auf meine eigene Inkonsequenz hinweist.
Lauwarme Liebe. Gut, ich verstehe die negative Assoziation.
Wir redeten über jedes Thema. Wirklich über jedes Thema. Vier Stunden lang, eine ganze Themenliste herunter. Wir hatten uns auch lange nicht mehr gesehen, lediglich einmal kurz im Januar, auf der Weihnachtsfeier unseres Fanclubs, dort hatten wir allerdings nicht die Gelegenheit gehabt, uns auszutauschen. Mittlerweile sind wir aber Snapchat-Freunde. Ich habe nur zwei Snapchat-Freunde. Ihn und seine Frau. Weil wir uns täglich Bilder schicken, um den Streak, also die Flammen, aufrechtzuerhalten, wissen wir aber voneinander Bescheid. Ich habe das Gefühl, dass er immer irgendwo am Essen ist, immer auswärts. Er wirkt manchmal wie ein Gourmet auf mich, dabei behauptete er, dass es für ihn keine Bedeutung hat, auswärts gut zu essen oder exklusive Restaurants zu besuchen. Es war ihm sehr wichtig, dass ich nicht diesen Eindruck habe.
Jetzt, wo ich wieder zurück in Berlin bin, werde ich auch wieder ins Olympiastadion gehen. Er hatte für meine Zeit in Hamburg meine Dauerkarte verwahrt. Hertha steht zwar auf Platz sechs, aber ich glaube immer noch an den Aufstieg. Ich glaube nicht an den Weihnachtsmann und auch nicht an Gott, irgendwo muss ich religiöse Gefühle jedoch abladen können.