Letztes Jahr war eine Stelle als CTO bei einem zu gründenden Startup namens Alexandria.ai ausgeschrieben. Der Job war nichts für mich, da ich mich mit der Programmierung einer KI nicht gut auskenne. Trotz ethischer Bedenken, faszinierte mich das Projekt, deren Produktidee war nämlich, verstorbene Menschen via Chatbot wiederzubeleben. Manche Menschen werden das pietätlos und unmoralisch finden, ich bin mir aber sicher, dass es vielen insgeheim Trost spenden würde.
Ich sehe es schon kommen, dass wir bei unserem Ableben Klauseln ins Testament schreiben, in denen wir es untersagen, uns in einer virtuellen Realität wieder auferstehen zu lassen. Viele von uns produzieren im Laufe des Lebens große Textmengen in Chats, Emails und auf Social Media, da kann ich mir gut vorstellen, dass man das einer KI verfüttern kann, die daraus unseren Charakter relativ authentisch nachbauen kann. In einem nächsten Schritt wird das auch mit Video und Audio funktionieren. Man wird sich eine VR-Brille aufsetzen und mit den Verstorbenen interagieren können.
Der Gedanke daran ist gruselig. Vor allem, wenn ich bedenke, welche riesigen und frei zugänglichen Textmengen ich mit diesem Blog produziere – alles höchst persönliche Texte, daraus lässt sich mittlerweile sicherlich ein hervorragendes Psychogramm erstellen. Zumindest von der Kunstfigur von mir, die hier dargestellt wird. Ich könnte mich gar nicht mehr dagegen wehren, da Google und Meta alles schon abgespeichert haben.
Sollte ich vor meiner Hündin sterben, kann sie mich wiederbeleben und sich von mir Sitz- und Platz-Befehle erteilen lassen. Leckerlis bekäme sie allerdings keine mehr von mir.
Nun finde ich das Unternehmen nicht mehr und auch deren Webseite ist tot. Auf der Seite präsentierten sie sich damals nur wenig pietätvoll – schwarz und mit einem Totenkopf versehen. Es wäre aus philosophischer Sicht lustig, ein Unternehmen via KI-Bot zum Leben zu erwecken. ZB. für masochistische Ex-Vodafone-Kunden, wenn sie es vermissen, vom Support angeschnauzt zu werden. Jedenfalls gibt es in den USA bereits Firmen, die etwas Ähnliches anbieten, wie alexandra.ai es tun wollte. Und am Ende wird ohnehin Big Tech das übernehmen. Wahrscheinlich Google. Oder Apple. Oder Meta, wo man in WhatsApp Kontakte als tot oder verflossen markieren kann, die man in einsamen Stunden wiederbelebt.
Apropos Big Tech. Irgendwie ist es an mir vorübergegangen, dass FreeNow von Lyft, dem Uber-Konkurrenten, aufgekauft wurde. Ein weiteres europäisches Unternehmen, das jetzt in die USA abwandert. Ein weiterer amerikanischer Privatanbieter, der bei uns Monopole etabliert. Meine Frau wollte sich heute in der Friedrichstraße ein Taxi von der Straße winken und scheiterte dabei, weil die Fahrerinnen entweder symbolisch auf ein Handy zeigten und damit die Verwendung der App implizierten oder gerade besetzt waren. Es kann natürlich Zufall gewesen sein.
Ich habe das Taxigewerbe nicht mehr verfolgt. Irgendwie fand ich Freenow einigermaßen in Ordnung, weil sie nach meinem Verständnis angemessener bezahlten als Uber und sich von den schäbigen Praktiken in der Fahrvermittlungsbranche abwandten. Was da genau lief, und wie dieses Gewerbe funktioniert, weiß ich nicht, aber ich habe sie jedenfalls als die weniger schlimmen abgespeichert. Mit der Übernahme von FreeNow unterstehen jetzt etwa 95% des Berliner Taxigewerbes amerikanischen Firmen. Die kennen alle Bewegungsdaten, alle Menschen, wer, was, wohin, wann mit dem Taxi durch die Stadt fährt.
Ich habe die App sofort deinstalliert und mir dafür taxi.eu auf das Telefon geladen. Die offizielle App der Taxi-Infrastruktur in ganz Europa. Mir war nicht bewusst, dass es diese Alternative noch gibt.
Aber eigentlich wollte ich heute über das Wetter berichten. Wir hatten 19 Grad und auch mein Schatten war wieder da. Im Park saßen die Menschen im Gras.





