Am Freitag stieg ich um 3 Uhr in die Bahn und trat die Reise nach München an. Ich wollte schon am Vortag dort sein, abends etwas Bayerisches essen, ausschlafen und München besichtigen. Von München weiß ich wirklich wenig. München ist für mich seit Jahrzehnten eigentlich nur dieser Hauptbahnhof, in dem ich auf dem Weg nach Südtirol immer umsteigen muss. Bis auf Frau Klugscheißer, die mir vor fast zwanzig Jahren einmal die Stadt zeigte, weiß ich wenig über die Stadt.
Da auch alle anderen Vorlesenden bereits am Freitag anreisten, organisierte Frau Klugscheißer (hier ihr Bericht) einen Tisch in einem Gasthaus namens „Obacht“, was eine hervorragende Idee war, weil wir uns im Vorfeld ein bisschen eingrooven konnten. Ich bestellte ein Wildpflanzerl mit Kürbis und als Nachtisch aß ich frittierte Milch, vor allem des Namens wegen. Die frittierte Milch beschäftigte viele von uns und es war niemandem so recht klar, was es nun eigentlich ist. Es präsentiert sich als eine Art Vanillepudding mit einer süßen frittierten Kruste. Es kann sein, dass jemand am Tisch wusste, was es genau ist, ich habe es aber nicht mehr mitbekommen. War jedenfalls gut.
Noch eine Anmerkung zum Essen. Herr Rau (hier, sein Bericht) war ja auch da. Er saß anfangs links von mir und ich hatte Schwierigkeiten, mich zwischen dem Wildpflanzerl und den Spätzle mit Linsen zu entscheiden. Bei den Spätzles hatte ich vor allem Angst, dass ich danach noch Hunger haben würde. Ich hatte nämlich den ganzen Tag kaum etwas gegessen. Herr Rau kommt aus Augsburg und er erzählte mir, Spätzle mit Linsen seien eine Augsburger Eigenheit und würden außerhalb Augsburgs faktisch nie aufgetischt. Da ich zum Widpflanzerl tendierte, mich aber die Spätzle interessierten, war es so freundlich, das Augsburger Gericht für sich selbst zu bestellen, damit ich es wenigstens sehen könnte.
Optisch war es nicht ganz so spektakulär wie meine bayerische Boulette, aber Herr Rau bot mir einen Happen aus seinem Teller an. Was ich sehr freundlich fand. Ich schlug ihm vor, dass er erst zu Ende esse und ich dann zum Schluss noch ein Gäbelchen nähme. Zur Hälfte seines Essens war er dann bereits satt und er bot mir gleich seinen ganzen Teller an. Was ich jetzt über das Gericht sagen möchte: Das Besondere daran ist diese leichte, angenehme Essignote. Spätzle, Linsen und Essig. Das ist wirklich eine passende Kombination, von der ich nicht verstehe, dass sie über die Augsburger Stadtgrenze hinaus keine Verbreitung gefunden hat.
Frau Novemberregen hat unfassbar schöne Zähne. Sie saß später rechts von mir und sie hat eine lustige, konzentrierte Art zu reden. Ich hatte eigentlich ein bisschen Angst vor ihr, weil Frau Fragmente mir von ihr erzählte, sie sei ein wahnsinnig aktiver und arbeitsamer Mensch. Sie verwendete in der Beschreibung sogar den Begriff „Maschine“. Und Frau Novemberregen sagt über sich selbst, sie sei unempathisch. Alles keine guten Voraussetzungen für einen liebenswerten Menschen. Nun stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall ist.
Auch Frau Herzbruch setzte sich später zu mir. Zwar gehört sie nicht zum Kreis der Vorlesenden, doch ist sie mit Frau Noemberregen eng befreundet und gemeinsam mit ihr angereist. Wie viele sicherlich wissen, ist sie nach einem verpfuschten Routineeingriff im Krankenhaus durch eine lange Hölle gegangen, aus der sie gerade mit großer Lebenslust herausgestiegen kommt. Sie redet viel und gerne. Sie entschuldigt sich dafür und redet dann einfach weiter.
Es wurde spät, Frau Klugscheißer, die Kaltmamsell (ihr Bericht) und Vanessa, sowie Herr Rau machten sich auf den Weg nach Hause. Frau H, Frau N und ich, blieben noch für einen letzten Drink. Auch wenn schon Müdigkeit über mich gekommen war, bin ich für einen letzten Drink immer gerne zu haben. Auch wenn danach ein weiterer letzter Drink kommt und noch einer. Die beiden verbliebenen Frauen redeten immerzu davon, noch Karaoke singen zu gehen. Ich belächelte das freundlich und auf die Frage hin, ob ich mitkommen würde, sagte ich jaja, weil ich das nicht besonders ernst nahm. Nun wurde es aber Mitternacht, das Gasthaus schloss und die beiden bestellten ein Taxi für uns drei, das uns zu einer Karaokebar irgendwo südlich des Bahnhofs bringen sollte. Ich hatte zu spät verstanden, dass ich jetzt tatsächlich Karaoke singen gehen würde.
Es war 1 Uhr nachts, als wir in diesem Einkaufszentrum ankamen. Wir fanden die Bar nicht und schlichen durch die geschlossenen Passagen. Zeitweise fühlte ich mich wie in einem postapokalyptischen Egoshooter, aber schließlich fanden wir doch den Eingang und stiegen durch ein verlassen wirkendes Treppenhaus aus Beton zwei Stockwerke nach oben und plötzlich fanden wir uns in einem Raumschiff wieder. Der lange Flur des Raumschiffes war mit violetten Lichtbändern gesäumt. Links und rechts befanden sich Türen. Manche davon waren offen, darin sah man Sofas, Mikrofone und Bildschirme. Wir waren also richtig.
Wir mieteten uns einen kleineren Raum und fingen schließlich an – nunja: zu singen. Frau Novemberregen und Frau Herzbruch sind erfahrene Karaoke-Kids und verfügen über ein beachtliches Repertoire. Beide haben ihre eigenen Lieblingslieder, die sie mit einer respektablen Kunstfertigkeit vortrugen. Ich tat mich da schwerer. Mein Musikgeschmack ist eher deprimierend und ich bin ein bisschen zu verschämt, um das vorzutragen. Was ich aber wirklich gut kann, ist Nick Caves „Ship Song“, das dürfte auch zu meiner eigenen Stimmlage passen. Allerdings tauchten bei der Suche nach Nick Cave in dem Karaokecomputer keine Treffer auf. Dann hatte ich jedoch ein paar Ideen: Cakes „Help the Aged“ (leider zu hohe Stimmlage), Band of Horses „Funeral“ (zu hohe Stimmlage), Lana del Rey „Gods and Monsters“ (zu hohe Stimmlage), aber schließlich fanden Frau Herzbruch und ich uns zu „Creep“ von Radiohead zusammen und performten es als Duett. Da wir beide fließend Niederländisch sprechen, sangen wir auch André Hazes’ „Zij geloofd in mij“, was mich sehr amüsierte. Aber ich sehe schon, ich muss mir ein Repertoire aufbauen. Karaoke macht nämlich wirklich Spaß.
Es wurde drei Uhr, bis wir wieder zu Hause waren, und es dauerte noch eine weitere Stunde, bis ich mich genug beruhigt hatte, um auch einschlafen zu können.
Am nächsten Tag wollte ich eigentlich München besichtigen. Frauenkirche, Marienplatz. Einfach herumschlendern und mich irgendwo hinsetzen. Frau Herzbruch und ich hatten uns zum Mittagessen verabredet, aber noch keine Uhrzeit festgelegt, weil es wirklich spät geworden war und wir noch nicht unseren Fitnesszustand für den nächsten Tag einschätzen konnten.
Ich lag dann bis 11:30 Uhr im Bett. Mit Frau Herzbruch verständigte ich mich schließlich auf 12:15 Uhr. Wir würden uns in einem Café in der Nähe unserer Hotels treffen. Dort gab es allerdings keinen Platz mehr, also suchten wir uns ein anderes, das zwar ein gutes Frühstück anbot, aber das langsamste Personal zwischen Lissabon und Eisenhüttenstadt eingestellt hatte. Frau Herzbruch warnte mich vor, dass sie eine unfassbar langsame Esserin ist. Das kann mich nicht unbedingt beeindrucken, ich kenne viele langsame Esserinnen, ihr Tempo war aber noch einmal eine Kategorie härter, als ich es bisher kannte. Es lag aber nicht an ihrem Tempo, dass wir drei Stunden lang frühstückten, sondern daran, dass wir uns einfach drei Stunden lang angeregt unterhielten. Wir redeten erstaunlich wenig über Hunde, vor allem, weil mir in Erinnerung geblieben war, dass ihr Hund einmal von 50 Bienen angegriffen wurde, was mich damals sehr beunruhigte, weil wir in Schweden auch mehrere Bienenstöcke neben dem Haus stehen haben. Aber das war bei ihr lediglich ein Freak-Unfall gewesen.
Drei Stunden später gingen wir in unsere Hotels zurück. Für die Frauenkirche hatte ich keine Zeit mehr. Um 4 Uhr war ich bei Frau Klugscheißer zu Hause verabredet, wo wir die letzten Vorbereitungen für die Lesung vornahmen. Um 17 Uhr machten wir uns dann auf den Weg zur Boxwerkstatt. Eine sehr schöne Location, die mit vielen liebevollen Details aus der Boxwelt versehen ist, in der aber auch tatsächlich Frauen und Männer trainieren und in der auch richtige Boxkämpfe stattfinden.
Die Lesungsveranstaltung war super. Wir lasen tatsächlich in einem echten Boxring, der sogar bei Olympia 1972 in München zur Verwendung kam. Alle Sitzgelegenheiten waren belegt. Mit so vielen Menschen hatte ich nicht gerechnet. Ich las „Brautführung„, einen mittlerweile 19 Jahre alten Text, den ich allerdings einmal mal digitally remasterte.
Das Publikum war ausgesprochen herzlich. Einige waren von weit her angereist. Es gab Geschenke für alle von uns. Eine Frau überreichte mir eine Süßigkeit und sagte, sie läse schon seit Jahrzehnten hier im Blog mit. Ich fragte sie nach ihrem Namen, ob wir uns kannten, aber sie sagte, sie sei nur eine stille Leserin.
Interessant fand ich die Erkenntnis, dass die ehemalige Blog-Bubble in Mastodon aufgegangen zu sein scheint. Dort findet auch der ganze Zauber statt. Nicht so sehr auf Bluesky, sondern auf Mastodon. Den Grund dafür habe ich nicht verstanden. Ich habe mit sozialen Medien leider nie einen Umgang gefunden. Ich schaue einmal pro Tag rein und dann vergesse ich es wieder.
Nach der Lesung setzte ich mich zur Kaltmamsell in unseren Backstage-Bereich. Wir aßen zusammen eine Brezel. Die Kaltmamsell war eine der ersten Bloggerinnen außerhalb Hamburgs, die ich las. Auch das ist alles über zwanzig Jahre her und wenn ich mich nicht täusche, sahen wir uns das letzte Mal bei der Lesung im “Lass uns Freunde bleiben”, das muss in 2005 gewesen sein, vielleicht noch früher. In meinen Augen sieht sie immer noch genau so aus, wie damals, nur jetzt mit einem Graustich in den Haaren. Sie fragte mich, ob es mir gut ginge. Sie fragte das nicht als Small-Talk-Floskel, sondern sie sagte sinngemäß: Wenn ich deine letzten Einträge lese, dann geht es dir aber schon gut, oder? Ich bejahte. Mir geht es wirklich gut. Mir geht es eigentlich immer gut. Ja, die Südtirol-Reise war nicht positiv, aber mir geht es gut. Erst jetzt, während ich das aufschreibe, verstehe ich, dass sie vielleicht die Südtirol-Reise meinte.
Dann trinken wir endlich die Magnumflasche Crémant, die Frau Klugscheißer mitgebracht hat. Später am Tresen kann ich mich endlich mit Vanessa Giese unterhalten. Sie kenne ich am wenigsten. Ihr Blog lief bei mir jahrelang unterm Radar, ich weiß wirklich nicht warum. Ich habe es erst letzten Herbst wiederentdeckt und bin seitdem begeisterter Leser. Vanessa ist eine beeindruckende Erscheinung, sie ist groß und eine Schwimmerin und sehr lustig.
Nach der Lesung zog die verbliebene Gesellschaft zwei Häuser weiter, wieder ins Obacht, in dem wir schon am Vortag saßen. Dort setzte ich mich neben einen Mann, der die Mastodon Instanz fnordon.social betreibt. Das interessierte mich als IT-Mensch natürlich sehr und so erkundigte ich mich nach dem Team bzw. darüber, wie sie die Instanz betreiben. Jetzt stellte sich heraus, dass er das alleine macht. Das beeindruckte mich.
Auch Frau Novemberregen und Frau Herzbruch stießen wieder dazu. Sie redeten wieder von Karaoke und ehe ich es so richtig verstand, befand ich mich eine Stunde später wieder in dieser Karaokebar im Münchner Süden. Diesmal aber mit mehr Menschen und diesmal machte ich auch nicht den Fehler, Lieder zu singen, deren Stimmlage zu hoch ist. Also blieb es bei „Creep“. Da aber auch Susanne Loosy neben mir saß, die jeden, aber wirklich jeden Song mitsingen konnte, ergriff ich die Gelegenheit, „Fickt-Euch-Allee“ aufzulegen, weil Susanne Berlinerin ist, und sie natürlich das Lied kennt, das sonst niemand in dieser ganzen Gesellschaft zu kennen schien. Wir sangen es gleich zwei Mal hintereinander.
Es war ja Zeitumstellung, aber ich weiß nicht, wann genau mir diese Stunde geschenkt wurde. Irgendwann um drei Uhr herum standen wir in einer sehr lauten Bar in Schwabing, wo wir Wodka-Lemon tranken. Ich glaube, Frau Klugscheißer fand es ein bisschen unangenehm, dass sie uns in diese Bar gelotst hatte. Nach dem Wodka-Lemon gingen bei uns allerdings wirklich bald die inneren Lichter aus und so traten wir auf die Straße hinaus, wo wir uns verabschiedeten und uns auf zwei Taxis aufteilten. Vor meinem Hotel hatten Frau Herzbruch und Frau Novemberregen aber immer noch die Kraft von zwei jugendlichen Partymäusen. Als wir herausfanden, dass die Hotelbar 24 Stunden geöffnet hat, dann – nun, dann gingen wir noch auf einen letzten Absacker. Während wir die Cocktailkarte studierten, bekamen wir plötzlich Hunger und jeder von uns bestellte sich eine Pizza. Allerdings tranken wir keinen Alkohol mehr, aber um diese Uhrzeit völlig alkoholfrei auf Sofas zu sitzen, schien uns irgendwie nicht korrekt. Deswegen opferte sich Frau Novemberregen, die am wenigsten getrunken hatte, bestellte einen ichweissnichtmehr und so war das kosmische Gleichgewicht wiederhergestellt.
Nach der Pizza setzte bei mir allerdings das Fresskoma ein. Mit zugefallenen Augen kündigte ich meinen Abschied an, und ging auf mein Zimmer.
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